COPD: das unterschätzte Raucherleiden
Lag COPD 1990 noch an sechster Stelle in der allgemeinen Liste der Todesursachen, wird diese 2010 an vierter und 2020 an dritter Stelle stehen. Dies dann, wenn nicht umgehend wirksame Maßnahmen dieser absehbaren Entwicklung entgegengesetzt werden. Anlässlich des Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) alarmieren Experten: Wesentlich mehr Menschen als angenommen leiden an COPD und die Gesundheitsgefahr Passivrauchen wurde bislang unterschätzt.
Der COPD liegt eine obstruktive Atemflussbehinderung zugrunde, die nicht vollständig reversibel ist. Diese Atemflussbehinderung verläuft in der Regel fortschreitend und ist mit einer abnor-men entzündlichen Reaktion der Lunge auf schädigende Partikel oder Gase verbunden. „Ursache für Symptome, Funk-tionseinschränkungen und Komplikationen der COPD sind der der Erkrankung zugrunde liegende Entzündungsprozess und die daraus resultierenden krankhaften Veränderungen der Atemwege“, so Prim. Univ.-Doz. Dr. Günter Forche, ÖGP-Past-Präsident sowie Primar der Internen Lungenabteilung am Krankenhaus der Elisabethinen, Graz. Bei der COPD treten die entzündlichen Prozesse auf der Bronchialschleimhaut auf, die dadurch stark anschwillt und große Mengen eines zähen Schleims produziert. Dadurch werden auch Botenstoffe freigesetzt, die eine Verkrampfung der Bronchialschleimhaut auslösen. Es kommt zu einer Verengung der Bronchien, die nicht nur Atemnot zur Folge hat, sondern v.a. zu chronischem Sauerstoffmangel führt. „Hauptursache für die Entzündung der Bronchialschleimhaut ist in rund 90% der Fälle der Tabakrauch, und zwar sowohl Aktiv- als auch das Passivrauchen“, erläutert Forche.
Unterschätztes Passivrauchen
Die Gefahren des Passivrauchens führt auch eine jüngst im „Lancet“ veröffentlichte Studie vor Augen1. In der Querschnittsstudie mit Datenerhebung durch interviewbasierte Fragebögen und Spirometrie wurde der Frage nachgegangen, ob eine erhöhte Exposition gegenüber Passivrauchen das Risiko für COPD erhöhen kann. Die Teilnehmer stammten aus der Guangzhou Biobank Kohorte (Mitglieder einer spezifischen Sozial- und Wohltätigkeitsorganisation), Alter ?50 Jahre, selbstständige Bewegungsfähigkeit, keine lebensbedrohlichen Krankheiten, Nichtraucher, keine ärztliche Diagnose eines Asthma bronchiale. Insgesamt konnten 6.497 Personen ausgewertet werden. „Es zeigte sich, dass bei Personen, die oft passiv rauchen, d.h. etwa 40 Stunden pro Woche über mehr als fünf Jahre, die Wahrscheinlichkeit, an COPD zu erkranken, um 48% über dem Durchschnitt liegt“, betont Dr. Sylvia Hartl, Generalsekretärin der European Respiratory Society und der ÖGP, Oberärztin der I. Internen Lungenabteilung am Otto- Wagner-Spital, Wien. Die Assoziation war statistisch signifikant: (zu Hause: OR 1,60, 95% CI 1,23–2,10, am Arbeitsplatz: OR 1,50, 95% CI 1,14–1,97). Es zeigte sich ebenso eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Stärke der Exposition und der Prävalenz von COPD. Weiters war das Vorkommen von jeglicher Art respiratorischer Symptome (Husten, Auswurf und Kurzatmigkeit) statistisch signifikant assoziiert mit Passivrauchen sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter und zeigte auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Husten war signifikant assoziiert mit einer hohen Expositionsdauer zu Hause (40 Stunden pro Woche für mehr als fünf Jahre, OR 1,18, 95% CI 1,02–1.37) und mit mehr als zwei Rauchern am Arbeitsplatz (OR 1,19, 95% CI 1,06–1.33).
„Diese Erkenntnisse zeigen vor allem wieder einmal, wie wichtig ein totales Rauchverbot an allen öffentlichen Plätzen und vor allem in allen geschlossenen Räumen, in denen sich Menschen aufhalten, für eine effektive Prävention des Passivrauchens ist“, so Hartl, die anlässlich der Novelle zum Tabakgesetz von einer „typisch österreichischen Lösung“ spricht. Das Gesetz strotze vor Ausnahmeregelungen und erlaube lange Übergangsfristen. Ein zusätzliches Problem ortet Hartl in den Belüftungsanlagen. Im Gesetz werde weder definiert, um welche Art von Anlage es sich zu handeln hat, noch schützen sie wirksam vor den schädlichen Folgen des Einatmens von Tabakrauch. Selbst wenn sie eine gewisse Reinigung der Luft durch Absaugen eines Teils der Staubpartikel bewirken, bleiben von den mehr als 12.000 chemischen Verbindungen immer noch zu viele in der Luft. Hartl: „Die sogenannte Verdünnungslüftung, die in fast allen mechanisch belüfteten Gebäuden eingesetzt wird, reicht nicht aus, um in der Gastronomie einen adäquaten Schutz der Gäste und Arbeitnehmer zu gewährleisten.“* Der so- genannten Verdrängungslüftung wird zwar ein hoher Reinigungseffekt nachgesagt, „sie ist aber erstens mit hohen Investitionen verbunden und zweitens nur wirklich effizient, wenn die Luft möglichst wenig bewegt wird, was in den meisten Gastronomiebetrieben kaum machbar ist“, ergänzt Hartl, für die der einzig gangbare Weg zur Verhinderung der nachhaltigen Gesundheitsgefährdung durch Tabakrauch ein totales Rauchverbot in allen Innenräumen (auch in der Gastronomie) ist.
Daten aus der BOLD-Studie
Neben dem anhaltenden Tabakkonsum ist die wachsende Belastung durch COPD auch auf die alternde Bevölkerung zurückzuführen. Aktuelle Daten dazu liefert die international anerkannte COPD-Expertin Univ.-Prof. Dr. Sonia Buist von der Oregon Health & Science University in Oregon². Buist et al führten eine Studie mit 9.425 Personen über 40 Jahre aus über zwölf Orten bzw. Regionen der Welt – so auch in Salzburg – durch (BOLD[Burden of Obstructive Lung Disease]-Studie). Die Probanden wurden mittels Fragebogen und Spirometrieuntersuchung auf das mögliche Vorliegen einer COPD untersucht. Das Hauptergebnis: Ein Viertel der Weltbevölkerung (26,1%) ist im Sinne einer COPD lungenkrank. In Österreich führte der Salzburger Lungenspezialist Prim. Univ.-Doz. Dr. Michael Studnicka, Universitätsklinik für Pneumologie, PMU Salzburg, die Studie durch. „Man dachte, dass vielleicht fünf bis zehn Prozent der Menschen über 40 betroffen sind. Die 1. Prävalenzstudie bringt nun die tatsächlichen Fakten auf den Tisch und zeigt: Es sind mehr als 25% über 40-Jährige, die zumindest an einer milden Form der COPD leiden. An einer bereits fortgeschrittenen oder sogar schweren COPD leiden 10,7% der Österreicher“, erläutert Studnicka.
Weitere wichtige Ergebnisse aus der BOLD-Studie: Bei nur wenigen Betroffenen ist COPD ärztlich diagnostiziert. Nur 5,6% aller Frauen und Männer war von einem Arzt die Diagnose COPD gestellt worden. Dies bedeutet einerseits, dass offensichtlich auch die Ärzte einer Aufklärung über das Krankheitsbild der COPD in seinen verschiedenen Erscheinungsformen bedürfen, und andererseits, dass es zahlreiche Patienten gibt, denen gar nicht bewusst ist, dass sie an COPD leiden, und die daher auch nichts in Richtung Therapie und Prävention unternehmen.
Die wichtige Rolle des Praktikers
Hinsichtlich dieser Ergebnisse: „Es muss die Diagnostik beim Hausarzt verbessert werden. Eine Lungenfunktionsmessung muss in entsprechender Qualität durchgeführt werden. Derzeit wird die Spirometrie zu wenig eingesetzt. Ein Grund dafür ist neben dem Faktor Zeit das Problem, dass die Spirometrie in einigen Bundesländern nicht refundiert wird.“ Zudem müsste beim Praktiker das Wissen um die Schädlichkeit des Rauchens geschärft werden, da der Rat des Arztes, das Rauchen aufzugeben, die Chancen für eine erfolgreiche Raucherentwöhnung erhöht (Silagy et al, 2000). West et al (2000) konnten belegen, dass ein Rat durch den Arzt bei einer passenden Gelegenheit in 40% der Fälle die Raucher zu einem Entwöhnversuch motiviert! Allerdings ist der Einfluss des Alterns der Weltbevölkerung auf die Häufigkeit von COPD so stark, dass „selbst wenn jeder Raucher auf der Welt heute damit aufhörte, die Zahl der COPD-Patienten vermutlich noch für die nächsten 20 Jahre steigen würde“, folgern die Autoren der BOLD-Studie und resümieren: „Die Herausforderung, der wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen, ist die Einführung kosteneffektiver Präventions- und Managementstrategien, um den Verlauf der Krankheit und damit verbundene Kosten aufzuhalten.“
Weitere Daten aus der BOLD-Studie:
- Gänzlich ohne Einschränkung der Lungenfunktion sind nur 88,6% der Chinesen (Guangzhou), 73,9% der Salzburger (73,4% der Männer und 74,3% der Frauen), beispielsweise 86,7% der Deutschen (Hannover) und 80,4% der Amerikaner (Lexington).
- Auf jeden Fall behandlungsbedürftig mit einer COPD im Stadium II und darüber sind zumindest 10,3% der Österreicher und 11% der Österreicherinnen. In Polen (Krakau) sind es 13,3% der Männer und 8,6% der Frauen, in Manila 18,8% der Männer und 6,8% der Frauen und in den USA (Lexington) 12,7% der Männer und 15,6% der Frauen.
- Global betrachtet, müssten zum gegenwärtigen Zeitpunkt 10,1% der Weltbevölkerung (11,8% der Männer und 8,5% der Frauen) wegen einer COPD behandelt werden.
* James Repace, MSc., Bericht über den Workshop „Reduzierung von Tabakrauch in Innenräumen des Gastgewerbes durch mechanische Belüftung“,
